Aus dem Magazin Schnappschuss No. 58

 

Der Pool als Metapher

 

Karine Laval hat eine Schwäche für Schwimmbäder und deren glänzendschimmernde Wasseroberflächen. Ihre Fotografien erinnern an die der Altmeister Henri Cartier-Bresson oder William Eggleston: Farbe ist ein Ausdrucksmittel für sie. In ihrer Serie „The Pool“ nimmt sie uns mit in die naiven Atmosphären von Schwimmbädern und versucht dabei Erinnerungen aus unserer Kindheit zu reaktivieren.

von Alexander Rühl

 

Schnappschuss: Der Pool als Metapher - Teaser

Untitled #7, 2002

Untitled #3, 2002

Karine Laval ist eine in Paris geborene französisch-amerikanische Künstlerin, die heute ihren
Lebensmittelpunkt in Brooklyn, New York hat. Sie absolvierte die CELSA - Paris Sorbonne in Frankreich, wo sie in den Bereichen Kommunikation und Journalismus tätig war. Ihre Fotografie- und Designausbildung absolvierte sie an der School of Visual Arts und der New School in New York. Ihre künstlerische Praxis umfasst Fotografie, Video und Installation bzw. Projektion.

Karines stille und bewegte Bilder fordern die Wahrnehmung der realen Welt heraus. Nicht selten fungieren sie als Brücke zwischen der Welt, in der wir leben, und einer surrealen, traumhaften
Dimension. Die unverwechselbare Verwendung bewusster Farbmanipulationen trägt dazu bei, die Beziehung zwischen Repräsentation und Realität weiter zu hinterfragen. Karine kombiniert analoge Techniken und digitale Technologien, um die transformative Kraft der Kamera zu erforschen und den Prozess der Bilderzeugung und ihre Beziehung zu Oberfläche und Materialität zu untersuchen.
Die daraus resultierenden, texturreichen und oft zwischen Repräsentation und Abstraktion oszillierenden Arbeiten verwischen die Grenzen zwischen den Disziplinen und setzen einen Dialog
mit anderen Medien wie Malerei, Bildhauerei, Film und Performance in Gang. Lavals Arbeiten wurden u.a. in internationalen Publikationen wie der New York Times, im Sunday Telegraph, Dazed & Confused, Le Monde, Le Figaro Magazine, Eyemazing, Next Level und EXIT abgedruckt, um nur einige zu nennen.

In Karines Arbeit „The Pool“ spiegelt sich ihr Interesse am sozialen und architektonischen Ort des Schwimmbads wider. Im Mittelpunkt steht die Verbindung zwischen dem Natürlichen und dem vom Menschen geschaffenen Künstlichen der Poollandschaft. Darüber hinaus motivierte auch der psychologische Subtext des Pools die Künstlerin, der mit dem Bild des Schwimmbeckens und den unterbewussten Verzweigungen seines stehenden Wassers verbunden ist. Genauso wie Bilder können auch Schwimmbäder mit mehrdeutigen Konnotationen überlagert werden: Sie sind nicht nur Bühne weltlicher Aktivitäten, sondern gleichzeitig Spielräume für Angst, Drama und Tragödie, wie beispielsweise in F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“.

In „The Pool“ nutzt die Fotografin mit französischen Wurzeln die Fähigkeit der Fotografie visuelle Erzählungen zu kreieren, die Momente aus ihrer Kindheit wiedergeben. Die Wahl einer einheitlichen Farbpalette mit gesättigten und ausgeglichenen Farbtönen erinnert an die Qualität von 16 mm- und Super-8-Heimvideos und verstärkt die zweideutige Beziehung zwischen Realität und Fiktion. Über ihr persönliches Gedächtnis hinaus ist es auch ein kollektives Gedächtnis, das sie durch die allgemeine und universelle Erfahrung von Freizeit und Baden zu offenbaren versucht.

Untitled #2, 2002

Untitled #12, 2002

Untitled #78, 2005

Untitled #6, 2002

Darüber hinaus fasziniert Karine der Begriff des Raums und die Beziehung, die wir mit ihm in unserem Alltag eingehen. Die Künstlerin ist begeistert von Schwimmbädern und Strandressorts, da
sie zum einen ein dominantes Thema des modernen Lebens unserer Kultur darstellen und zum anderen das natürliche Element des Wassers mit den kulturellen und sozialen Elementen einer künstlichen Umgebung vermischen möchte. Obwohl die Aktivitäten und Ausdrücke des Badenden vertraut und spontan sind, scheinen die eingefangenen Szenen einer stillen Choreografie zu folgen, sobald der Moment in der Kamera isoliert und eingefroren wird.

Allerdings markiert die Serie des Pools in Karines Arbeit eine Abkehr von ihrem bisherigen Werk. Für sie steht der Pool als Metapher für eine Art Spiegel, dessen Oberfläche die umgebene Welt widerspiegelt, und gleichzeitig ein Tor in eine andere Welt darstellt - eine Art „mise en abyme“

Durch die Ebene traumhafter Reflexionen und malerischer Schichten, die zwischen Abstraktion
und Repräsentation changieren, versucht sie die Reibung zwischen Realem und Imaginärem sowie
die Grenzen zwischen Fotografie und Malerei zu erforschen. Die Bilder dienen nicht nur als Illustration der körperlichen Erfahrung des Wassers oder der Freizeit, die es normalerweise darstellt,
sondern verwenden Licht, Perspektive, Farbe und Textur, um eine Welt am Rande des Realen und Surrealen darzustellen.

Untitled #36, 2003

Untitled #26, 2003

Karine hatte schon immer eine Leidenschaft für Wasser und Wasserkanten. Auf sie wirkt das Element besänftigend, heilend und befreiend und dient als Vehikel für Transformation und Selbstreflexion, das zu den Sinnen spricht. Diese Vorstellung von Sinnen und Gesten, besonders wenn sie die menschliche Figur berühren, ist ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Arbeit. Das menschliche Fleisch in seiner Farbe, eingetaucht und verzerrt durch das Wasser, stellt eine Möglichkeit dar, den Körper zu vergrößern und ihm Glanz zu verleihen, wie ein kostbarer Stoff , den man gerne anfassen und streicheln möchte. Die Unschärfe erzeugt dabei zugleich ein Gefühl der Entfremdung, denn die verzerrten Körper scheinen im Äther zu schweben oder in die Tiefe desWassers zu gleiten und fast zu verschwinden.
Der Körper wird dann unerreichbar. Genau diese Spannung zwischen dem Erwünschten und dem Unerreichbaren soll in Frage gestellt werden. Die menschliche Figur, die eingetaucht im Element des Wassers verzerrt wird, beginnt sich aufzulösen und verschiebt unsere Geisteszustände.

 

weitere Infos und mehr Werke der Künstlerin:
Karine Laval
karinelavalstudio.com
karinelaval.com


Magazin "Schnappschuss"

Das Foto Koch Magazin ist modern kreativ gestaltet und ist vom Design und inhaltlich relativ einzigartig.

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