
Filmemachen 2.0: Wie zugängliches Equipment & Wissen den Markt aufmischt
Vortrag von Marian Hirschfeld (HAMBURG OPEN 2026)
Noch nie war Filmemachen so zugänglich wie heute: Kameras, Ton, Licht, Postproduktion und vor allem Wissen sind in den letzten Jahren nicht nur besser, sondern auch deutlich erschwinglicher geworden. Genau darum ging es auf der Hamburg Open 2026 im Vortrag "Filmemachen 2.0" von Marian Hirschfeld. Und darum, was diese Entwicklung für Einsteiger*innen, Profis und den Markt insgesamt bedeutet.
Über Marian Hirschfeld
Marian Hirschfeld ist Filmemacher aus Köln, autodidaktisch groß geworden (frühe YouTube-Phase) und seit 2017 hauptberuflich selbstständig. Er begleitet Produktionen von der Vorproduktion über Regie/Kamera bis zum Schnitt und arbeitet seit Jahren eng mit Nikon zusammen – sowohl in Kampagnen als auch als Presenter auf dem Nikon-Deutschland-Kanal.
1) Die neue Realität: Cine-Look ist kein unerreichbarer Traum mehr
Marian startet mit einem Rückblick: Als er anfing, waren die ersten DSLR-Videozeiten gerade der Punkt, an dem "cineastisch" erstmals bezahlbarer wurde – echte Cine-Kameras waren für viele schlicht unerreichbar. Heute verschiebt sich diese Grenze massiv: Profi-Features und hochwertige Codecs wandern nach unten in kompaktere, günstigere Systeme.
Dabei zieht er eine Parallele zur Fotografie: Top-Bildqualität ist dort schon länger "demokratisiert" – bei Video holt die Entwicklung stark auf. Gleichzeitig merkt er an, dass wir bei Auflösung (4K/6K/8K) in vielen Bereichen längst an einem praxisnahen Sweet Spot sind: produziert wird oft höher, ausgeliefert am Ende trotzdem meist in 4K oder darunter.
2) Nikon ZR als Beispiel: Kompakt, aber "großes" Bild
Als konkretes Beispiel für diese Phase nennt Marian die Nikon ZR, weil sie Eigenschaften vereint, die man vor wenigen Jahren in dieser Größe und Preisklasse kaum erwartet hätte:
- Aufnahme in RED RAW / REDLOG (Look & Grading-Verhalten näher an klassischen Cine-Workflows)
- 6K bis 60p
- 32-Bit-Float Audio intern
- ein großes 4-Zoll-Display, das mobiles Arbeiten ohne zusätzliches Rigging erleichtert
Spannend ist für ihn auch die "Welten-Verbindung" aus Nikon- und RED-DNA – gerade, weil er aus der Praxis beides kennt (bei größeren Produktionen auch RED im Einsatz).
Nikon ZR Gehäuse
- 6K-Vollformatsensor. Bis zu 6K/60p-Aufnahmen direkt in der Kamera
- Bewährte RED-colour science
- 4-Zoll, neig- und drehbarer Touchscreen Monitor, 1000 Nits hell
- Dual-Base-ISO von 800/6400
- Kamerainterne 32-Bit-Float-Audioaufnahme
- Kinoreife Video-Modi und benutzerdefinierte RED Picture Controls
- Schneller, intelligenter Autofokus
- Integrierte Bildstabilisierung: verwacklungsfreie Aufnahmen in fünf Achsen
- Leicht und robust, vollständig gegen Wettereinflüsse abgedichte.
- Erweiterbar: Mit dem umfangreichen Zubehör von Nikon und Partnermarken lässt sich die Ausrüstung jederzeit erweitern
3) Zubehör-Revolution: Mehr Auswahl, weniger Kosten, mehr Funktionen
Ein großer Block des Vortrags dreht sich nicht um Kameras, sondern um das, was am Set oft genauso entscheidend ist: Zubehör.
Ton: Funkstrecken sind sein Paradebeispiel. Wo früher viel Geld für "Signal von A nach B" draufging, bekommt man heute (je nach Set) für deutlich weniger Budget Features wie interne Aufzeichnung, Display-Pegelkontrolle, integrierte Mics und flexible Lavalier-Optionen - mit starkem Wettbewerb zwischen Herstellern.
Licht: LED hat (seiner Sicht nach) eine echte Revolution ausgelöst: wenig Strom, wenig Hitze, inzwischen viel Output – dazu Bicolor, RGB, Daylight, Bowens-Mount-Kompatibilität und akkubetriebene Setups in allen Größen.
4) Postproduktion ist heute (fast) kein Kostenthema mehr
Auch beim Schnitt hat sich die Einstiegshürde drastisch verschoben:
- DaVinci Resolve als kostenlose Standardversion
- leistungsfähige Einstiegs-Laptops, auf denen 4K-Workflows realistisch laufen
- integrierte Audio-Tools und Color-Grading, das in der Branche einen extrem starken Stand hat
Der Punkt ist klar: Wer heute starten will, scheitert deutlich seltener an reinen Lizenz- oder Hardware-Kosten.
5) Was kostet ein "professioneller" Einstieg wirklich?
Marian hat im Vortrag einmal grob überschlagen, was ein Setup kostet, wenn man nicht "nur mal ausprobieren", sondern gezielt professioneller arbeiten will – inklusive Kamera/Objektiv, Funkstrecke, Speicher/Cage und einem starken LED-Licht (+ Davinci Resolve: kostenlos).
Ergebnis: rund 3.861 € brutto (je nach Zusammenstellung). Seine Kernaussage: In manchen Systemen bekommt man für vergleichbares Geld teils nicht einmal den Kamera Body – hier dagegen direkt ein arbeitsfähiges Gesamtpaket.
6) Der Haken an "alles ist möglich": Überforderung durch Optionen
Wo Technik demokratischer wird, wird sie gleichzeitig komplexer – zumindest im Menü. Marian spricht offen darüber, wie schnell Einsteiger (oder Umsteiger aus dem Foto-Bereich) von Codec-/Log-/Bit-Tiefen-/Framerate-Optionen erschlagen werden können: RED RAW, N-RAW, ProRes, H.265/H.264; REDLOG, N-Log, Rec709, HLG; 10/12 Bit und vieles mehr. Viel Auswahl ist gut – aber eben auch viel.
Workshop: Professionell Filmen
Dir sagen die Begriffe RAW, LOG oder H.265 so gar nichts oder willst du dein Grundwissen im Thema Filmemachen nochmal etwas auffrischen willst? Kein Problem! In unserem insgesamt dreistündigen Workshop hat Marian all diese Themen (und noch viele mehr) behandelt.
Du findest eine Zusammenfassung, die Aufzeichnung des Workshops und auch eine detaillierte Themenübersicht in unserem Blog-Beitrag.
Zum Workshop
7) YouTube als Filmschule: Game Changer - mit Nebenwirkungen
Sein Blick aufs Thema Wissen ist angenehm differenziert: YouTube ist für ihn ein riesiger Hebel, weil Inhalte frei verfügbar, anwendungsorientiert und oft extrem aktuell sind (Firmware-Update ? am selben Tag Tutorials). Gleichzeitig nennt er die Schattenseite: Widersprüche, Halbwissen, "Reichweite ist nicht gleich Kompetenz" – und Grundlagen kommen manchmal zu kurz. Als Beispiel erwähnt er das Thema Gamma Shift (besonders am Mac), bei dem er selbst widersprüchliche Erklärungen erlebt hat.
Sein pragmatischer Tipp: YouTube stark nutzen - aber fürs Fundament gern einen Workshop (digital oder in Präsenz) einplanen und vor allem: Praxis, Praxis, Praxis.
8) Praxisbeispiel Uganda: Doku drehen mit kleinem Setup
Zum Schluss wird es konkret: Marian war beruflich in Uganda und drehte eine Doku über Skate Aid – mit einem bewusst kompakten Setup in einer kleinen Tasche (Kamera, Optiken, Akkus, Funkstrecken, Mic). Sein Learning: Weniger Rig = weniger Stress, mehr Beweglichkeit, leichterer Zugang zu Menschen (gerade in dokumentarischen Situationen). Und trotzdem keine großen Bild-Kompromisse, weil er mit dem REDLOG/Grading-Verhalten sehr zufrieden war - besonders bei Highlight-/Shadow-Roll-off und dem insgesamt "RED-näheren" Look.
9) Wenn Technik nicht mehr der Unterschied ist: Was ist heute „professionell“?
Eine der stärksten Fragen des Vortrags: Wenn (fast) jede*r eine gute Kamera haben kann – woran erkennt man Professionalität?
Marian nennt mehrere Faktoren:
- Workflow & Datenhandling (saubere Backups, Ordnung, Verlässlichkeit)
- Ton- und Farbmanagement (technisch gute Entscheidungen treffen)
- planbar gute Ergebnisse (Erfahrung + Zuverlässigkeit)
- Kreativität & Storytelling (auffallen durch Inhalt, nicht nur durch Gear)
- Umgang mit Menschen/Kund*innen (respektvoll, professionell, Wünsche verstehen)
Und ja: Die Kehrseite der Demokratisierung ist auch eine größere Konkurrenz und ein Markt, in dem Aufmerksamkeit manchmal mehr zählt als Qualität. Umso wichtiger werden Handwerk, Haltung und eine saubere Arbeitsweise.
Fazit: Filmemachen war nie zugänglicher – aber genau deshalb zählt das Handwerk
Der Vortrag macht Mut: Noch nie war es so realistisch, mit überschaubarem Budget hochwertig zu produzieren. Gleichzeitig ist das kein Freifahrtschein – wer langfristig bestehen will, setzt nicht nur auf Technik, sondern auf Workflow, Praxis, Kreativität und professionelles Auftreten.

